Shanghai 12.9.04 > Lern-Sonntag

Zur Feier des Tages haben wir Moritz seinen neuen Affenanzug angezogen. Während wir nämlich lernen, Wörter zu schreiben, zu lesen und zu sprechen, lernt er was noch viel Wichtigeres: er ißt seine ersten Löffel Möhrenbrei. Eigentlich wollten wir ihm erst was zufüttern, wenn er ein halbes Jahr alt ist. Aber er ist mittlerweile ziemlich groß (vermutlich größer als andere Kinder mit sechs Monaten, in Größe 74 passen nur noch ausgewählte Stücke) und hat entsprechend (so zumindest erklären wir uns das) viel Hunger. Nachts sind 5 bis 6 Mahlzeiten keine Seltenheit, und tagsüber kommt es kaum mehr vor, dass er es länger als zwei Stunden ohne nahrung aushält. Ein Grund ist sicherlich, dass es hier immer noch sehr warm ist. Wie auch immer - ich bin es ein wenig leid, nahezu alleine für die Befriedigung seiner Bedürfnisse zuständig zu sein. Außerdem hat es den Anschein, dass nur Milch ihm nicht mehr reicht. Wir haben uns also an diesem denkwürdigen Tag mit einem biegsamen löffel ausgerüstet und waren auf das schlimmste gefasst (als wir ihm Fencheltee angeboten haben, hat er zwei Stunden am Stück gebrüllt). Doch unsere "Möhre" findet entsprechendes Gemüse tatsächlich toll! Am ersten Tag starten wir mit etwa 2 Löffeln voll, am zweiten Tag ißt er schon das drei- bis vierfache. Innerhalb weniger Minuten. Dieses mal kriegt er erst einen Schreikampf, als wir das Glas zumachen. Wenn das kein gutes Zeichen ist.

Sonntagskind, geboren im Jahr des Affens

Spielzeit im eigenen Bett

Die 'Möhre' mit ihrer ersten Möhre

Shanghai 14.9.04 > Die neue Kommilitonin

Wir haben eine neue Schülerin in unserer Klasse. Ich hab gleich an ihrem ersten Tag neben ihr gesessen. Ich war auch höchst motiviert, herauszufinden, wie sie heißt. Immer, wenn sich eine Gelegenheit zum Nachfragen anbot, blickte sie entweder dermaßen gezielt zur Seite, blätterte (insgesamt ca. 54 mal) ihren Kalender von vorne nach hinten durch, ohne wirklich hinzuschauen oder legte ihren Kopf auf den Tisch und schloß die Augen. Ich gebe so leicht aber nicht auf. Ich fragte sie direkt nach dem Unterricht, wie ihr Name sei. Jetzt bin ich nicht sicher, ob meine Frage ("dein-name-ist-wie?") durch die möglicherweise ungenaue oder gar falsche Intonation vielleicht eine zweite Bedeutung hat, die ich nicht kenne. Jedenfalls blickte mich unsere Kommilitonin nur sehr irritiert an. Ich fragte noch ca. drei mal nach, sie schaute irgendwann einfach wieder zur Seite und flüsterte so etwas wie "mimimi". Ich nenne sie im folgenden der Einfachheit halber also nun Mimimi. Mimimi vereinigt in sich einige der Angewohnheiten, die für unsereins auf den ersten Blick ziemlich skuril wirken, die von den anderen aber als völlig normal hingenommen werden. Zum einen spricht sie dermaßen leise, dass ich noch kein einziges Wort jemals verstanden habe. Das scheint bei japanischen und chinesischen Frauen desöfteren aufzutreten. Zum zweiten legt sie auch während des Unterrichts ihren Kopf auf den Tisch und schläft ein. Dasselbe tun auch viele Verkäufer, die alleine in ihrem Laden sitzen. Ungewöhnlich ist auch vielmehr, dass Mimimi, wenn sie in diesem Schlafzustand angesprochen wird, erstmal einige Minuten braucht, um wenigstens in einen halbwachen Zustand zu gelangen. Dabei zuzusehen ist besser als jede Fernsehserie. Das ist eigentlich wiklich filmreif.

Moritz xiu xi

Asakos Besuch

Asako, die 2002 ein paar Tage in der Taborstraße gewohnt hat, macht für eine Woche (das entspricht dem durchschnittlichem Jahresurlaub in Japan) Ferien in China und kommt in Shanghai natürlich auch uns besuchen. Tobi kocht zu diesem Anlass das erste große Festmahl in unserer Wohnung. Es schmeckt vorzüglich... und es ist einfach schön, privaten Besuch zu haben, mit dem man über mehr sprechen kann als darüber, ob unser Kind ein Mädchen oder ein Junge ist.

Asako, unser erster Gast ist zu Besuch

Shanghai 17.9.04

[heute vertrete ich mal Riki beim Schreiben] Gerade erst gelernt und schon in Gebrauch - 'bi sai' heißt soviel wie Wettkampf. Morgens kämpfen die Reisebusse auf dem Unicampus mit den Polizisten, kostümierte Scharen ergießen sich in die wenigen schattigen Ecken. Mehrstimmen erklingen hier und dort: an unserer Uni ist Chorwettstreit. Das neue China trifft auf das alte. Unmittelbar finden sich die blaugewandeten mit roter Armschlaufe versehenen Chöre neben denen in Kostümen und Anzügen. Die einen revolutionär gestimmt, die anderen schon im Pavarotti-Look and Feel. Wie fern ist die Zeit der große Revolution? Und warum hält man die Scharen im Mao-Anzug erst für eine Putzkolonne?

Chortreffen auf dem Unicampus

Altstadtmarkt

Altstadtmarkt

Auch die 'Giant Wonton' Serviererinnen lieben Moritz

Shanghai 18.9.04 > Nana besucht uns in Shanghai

Wie toll, wie toll. Dieses Mal haben wir Besuch aus Berlin... und somit endlich mal einen Grund,am Samstag ausnahmsweise nichts (aber auch gar nichts!) für die Uni zu tun. Statt dessen bemühen wir uns, die wichtigsten Stellen der Stadt in 24 h abzuklappern: wir besuchen "unsere" Teestube, den Markt, die Altstadt und den Bund. Zu guter letzt testen wir ein unbekanntes Restaurant in der Nebenstraße und bestellen auf gut Glück ein paar Gerichte. Den krönenden Abschluss bildet ein in einer Mischung aus Tofu und Eiweiß schwimmender Taschenkrebs. Obwohl das Ganze eher aussieht wie ein verunglücktes Meeresgetier, das versehentlich in einen Topf saurer Milch gefallen ist, schmeckt es tatsächlich sehr gut. Wie schön, dass Nana nach ihrer Wüstenkonferenz in Xian am nächsten Wochenende nochmal für ein paar Tage wiederkommt, mal sehen, auf welche Köstlichkeiten wir dann stoßen...

Nana und die Möhre

Kontraste: Alt vs. Neu

Touri-Foto

Drachen über dem Bund

Moritz findet neue Spielkameraden

Nana und der Taschenkrebs

Shanghai 19.9.04

Ein Beruf, den ich hier sicherlich nicht ausüben möchte, schon alleine wegen der Arbeitszeiten (heute ist Sonntag): Fassadenmalerin.

Das Haus gegenüber wird neu gestrichen

Shanghai 20.9.04 > Märchen

Es war einmal ein kleiner Junge, der wollte immerzu und ständig alles in den Mund stecken. Eines Tages bemerkte er, dass man auf all den vielen schönen Dinge nicht nur herumlutschen kann, sondern natürlich auch versuchen kann, sie irgendwie aufzuessen. Seine Eltern waren in Sorge, denn sie befürchteten, dass weder Zeitungspapier noch Druckerschwärze ihrem Sohn so gut bekommen würden... Sie faßten sich also ein Herz und boten dem von Milch und Gemüsebrei geplagten Kind ein Stück Baozi an. Das Kind war begeistert, doch leider lebten sie so NICHT glücklich bis an ihr Lebensende. Zwei Stunden später ging ein großes Geheul los, das weder durch Herumtragen, vom-Balkon-Schauen noch Brust-Anbieten beendet werden konnte. Die kleinen im Mund verbliebenen Baozi-Krümel hatten sich zu einem großen Baozi-Ball vereinigt, der steinhart am Gaumen klebte. Und die Moral von der Geschicht: Baozi ist für Moritz wohl (noch) nicht!

Moritz ißt seinen ersten Baozi, natürlich die Version ohne Füllung

Shanghai 22.9.04

Morgenstimmung (fünf Uhr) auf dem Balkon

Shanghai 24.9.04 > Speisekarten

Ich hatte vor geraumer Zeit schon einmal einen kläglichen Versuch unternommen, uns zu mehr Möglichkeiten bei der Essensbestellung zu verhelfen. Auslöser war ein bestimmtes Mittagessen nach einem der höchst anstrengenden Uni-Vormittage. Tobi und ich saßen wie so oft relativ hilflos vor einem Din A4 Blatt voller verschiedener Mittagsgerichte, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, um was es sich bei den verschiedenen Zeichenkombinationen wohl handeln könnte. Schlau wie ich bin fragte ich einfach meinen bereits fröhlich essenden Tischnachbarn, wo auf der Karte sich denn sein Essen befand. (Das sah nämlich höchst lecker aus: eine Portion Reis, Gemüse, Salat, undefinierbares Fleisch - das kann man ja auch weglassen - und ein Schälchen Suppe) Er zeigte auf eine der vielen Rubriken und ich wählte kurzentschlossen das einzige dort aufgeführte Gericht, das nicht "rou", das Zeichen für Fleisch, aufwies. (Für alle weiteren nach China Reisenden: dieses Zeichen kann man gut von den anderen unterscheiden, es sieht aus wie zwei Menschen im Käfig) Ganz nach dem Sprichwort "Wer nicht wagt, der nicht gewinnt" habe ich ohne lange nachzudenken das Etwas, was kein Reis, kein Gemüse und keine Suppe war, probiert, entgegen meiner üblichen Vorsichtsmaßnahmen sogar ein ganzes Stück auf einmal. Ich habe zu diesem Zeitpunkt wirklich daran geglaubt, anstelle des Fleischs vielleicht Tofu oder so was zu bekommen. Um die Geschichte nicht allzu spannend zu gestalten: Tobi hat klar auch gekostet, aber ausnahmsweise erst nach mir, und resümierte "Mmmhhh, das ist wohl Tintenfisch, gar nicht so schlecht." Mein einziger Gedanke (ich hab noch nie zuvor wirklich Tintenfisch gegessen) war, dass Tintenfisch wohl zu den ekelhaftesten Dingen gehört, die ich in meinem Leben je gegessen habe und dass ich in Zukunft alles mir nur Mögliche tun werde, um zu verhindern, Teile dieses Tier noch einmal zu verspeisen. Kaum zu Hause angekommen, habe ich mich im Wörterbuch auf die Suche nach allen möglichen Essenssachen gemacht, die Speisekarte hatten wir schließlich abphotographiert. Leider stellte sich das Zusammensetzen der einzelnen Begriffe dann aber doch als schwierig heraus - auf deutschen Speisekarten heißt es ja auch nicht Weizenmehlboden-Tomaten-Käse-überbacken sondern einfach Pizza. Wir baten also Kelly (die Nachbarin) um Hilfe. Beim Anblick des von mir bestellten Gerichtes meinte sie nur "Oh, I never eat that." Das machte mich stutzig. Eine waschechte Chinesin ißt keinen Tintenfisch? Wo es doch so schön heißt "Wenn es vier Beine hat und kein Tisch ist, wenn es fliegt und kein Flugzeug ist, wenn es schwimmt und kein U-Boot ist, die Chinesen werden es essen"? Ich muss zugeben, dass mich unsere pingelige Art des "Ich esse Fleisch, aber nur dann, wenn es nicht nach Tier aussieht und wenn ich an einem Metzger vorbeigehe, wird mir eigentlich übel" weniger gut gefällt, als (wenn schon, denn schon) alles zu essen, was eben so anfällt. Aber ich kann trotzdem einen gewissen Ekelanfall nicht unterdrücken, als sich herausstellt, dass es KEIN Tintenfisch war, sondern Innereien.

Tobi gibt sich heute ein wenig mehr Mühe als ich (ich hab nach Schwein, Rind und Schildkröte keinen Appetit und keine Lust mehr gehabt auf Nahrungsmittel-Übersetzungen) und übersetzt gerade die Karte des Restaurants, wo wir heute 24 zu mittag gegessen haben. Bei den Ergebnissen wird mir auch klar, wieso ich so schnell aufgegeben habe: "Rinderlende in Schwarzer-Pfeffer-Sauce" ist noch einer der leichteren Begriffe...

Lunchtime

Lucy und die Möhre

Shanghai 25.9.04 > Stadtplanung

Nana ist zurück und wir setzen die Abenteuerreise fort. Selbstverständlich gehen wir (in einem wunderschönen Laden in der Rujin No. 2 Lu) Tee kaufen, und finden auch einen ganz tollen Laden mit Holzspielzeug. Wir schlendern aber auch durch die Überreste einer nahegelegenen dem Abriss freigegebenen Siedlung. In einem der Fenster hängt einsam eine Glühbirne von der Decke, und ich frage mich, ob wohl ein solches Licht auch aus einem der Häuser schien, auf dessen Grundstück unser Wohnblock vor vermutlich nicht allzulanger Zeit entstand. ("Es ist kein Krieg. Es ist keine Revolution. Es ist der Bau" nennt Kai Strittmacher seinen Artikel zum Thema. *Lieber Papa, hab vielen vielen Dank für dieses lesenwerte Buch*) Das Leben geht hier nichts desto trotz weiter, es wird Obst verkauft, Haushaltsware. Eine Frau wäscht an der Straße ihr Geschirr. Es stimmt traurig und hoffnungsvoll zugleich. Weil sie so hübsch rot aussehen, wählen wir uns hier unser Abendessen: Flußkrebse satt.

Tee kaufen

Seitenstraßen in der French Concession

Das Zeichen heißt: Abreissen!

Moritz bekommt ein Xylophon geschenkt. Guten Appetit!

Zum Abendessen 'Shanghai Shrimps'

Shanghai 26.9.04 > Moritz, Riki und Nana besuchen den Jade Buddha Tempel

Während man in einer unbekannten Gegend herumläuft, in der man keine nennenswerten Unterschiede zu bestimmten Straßenzügen im eigenen Stadtviertel finden kann, ist es ungemein beeindruckend, wenn man plötzlich vor einem riesigen alten Tempel steht, dessen Block in der Stadtstruktur sich auf dem Stadtplan nicht von den anderen Blöcken unterscheiden läßt. Zur Feier des Sonntags haben wir einen solchen besichtigt. Mitten aus dem Gewirr von großen Wohnkomplexen, kleineren Wohnhäusern, Geschäften und Werkstätten erhebt sich die Tempelanlage so selbstverständlich, als hätte sie sich nie in anderer Umgebung befunden. Durchschreitet man das Eingangstor, ist das wie der Schritt in eine andere Welt. Es überwiegen selbst am Sonntag nicht etwa Touristen, sondern Mönche (Männer und Frauen) in sonnengelben Gewändern sowie betende Besucher. Wir erfreuen uns an den ungemein riesigen goldenen Statuen, oft ist es Buddha, manchmal aber auch eine unbekannte Gottheit, einige wirken auf unsereins höchst furcherregend. Die auffälligsten Opfergaben sind frisches Obst, zum Teil extra in der Plastikfolie belassen, ich fühle mich an Erntedank erinnert. Das einzig störende an diesem ruhigen Tag ist, dass der tempeleigene Kalligraphist nicht etwa Glücksgedichte für die Türrahmen pinselt, sondern ausländische Namen auf Chinesisch übersetzt und malt. Es tut gut zu wissen, dass es tatsächlich auch Altbausubstanz gibt, an deren Erhalt dem modernen China gelegen ist.

Jade Buddha Tempel

Moritz liebt Geld - weil es so schön klimpert, wenn man es runter wirft!

Jade Buddha Tempel

Verkehr

Die Verkehrsregeln in Shanghai:

1. Es gibt keinen geregelten Verkehr.

2. Die größeren Autos sind stärker als die kleineren Autos. Ganz neue teure schwarze schicke Autos sind stärker als alle anderen und verdienen entsprechend Respekt. Mit einem Fahrrad ist man immerhin stärker als ohne Fahrrad. Ist man lediglich zu Fuß unterwegs, sollte man sich bewußt sein, dass man sich am unteren Ende der Hackordnung befindet.

3. Egal, ob es geradeaus, nach rechts oder nach links geht - für die Vorfahrt gilt: der Stärkere gewinnt. Diese Regel gilt auch für Ausfahrten.

4. Je lauter und fieser die Hupe, um so wichtiger fühlt sich bzw. ist der Verkehrsteilnehmer.

5. Ampeln haben keine Bedeutung. Ausnahme: Es steht ein Polizist auf der Kreuzung.

6. Wenn es geradeaus nicht weitergeht und alle Autos nach rechts abbiegen, heißt das: Alle Fahrräder biegen nach links ab. Da es aber laut Regel 1 keinen geregelten Verkehr gibt, kann man Regel 6 auch ignorieren.

7. Große Straßen sind laut Straßenschildern für Fahrräder und Motorräder gesperrt.

8. Straßenschilder haben keinerlei Bedeutung.

Nicht nur die Verkehrsführung ist chaotisch - man beachte die Stromführung