Shanghai, 26.2.2007 How I became a bitch in China
Unser Flugzeug von Bangkok zurück nach Shanghai ist komplett voll mit Expat Familien, die allesamt Neujahr abseits von Shanghai gefeiert haben. Demensprechend ist bei der Passkontrolle die Schlange für Familien mit kleinen Kindern länger als alle anderen. Aber man lebt ja nicht umsonst schon seit zweieinhalb Jahren hier. Die nächstbeste vorbei laufende Beamtin spreche ich (auf chinesisch) an, wie es denn sein kann, dass die Schlange der Hilfsbedürftigen länger ist als die der normalen Leute? Sie antwortet, dass normalerweise hier nicht so viele Leute mit Kindern auf einmal landen. Ich werde unfreundlich, ausfallend könnte man auch sagen. Wofür es dann die mobilen Anzeigetafeln gebe, mit denen man jederzeit eine Schlange mehr öffnen könnte, wenn man denn wollte? Sie nuschelt etwas von Entschuldigung und geht weiter. Viele Blicke der anderen Familien. Anerkennend, aber auch misstrauisch. Ob der Wutausbruch sich gelohnt hat? Schon eineinhalb Minuten später kommen zwei Beamte und führen den hinteren Teil unserer Schlange ans andere Ende der Kontrolle, für uns wurde Platz gemacht und wir kommen sofort an die Reihe.
Nun frage ich mich: bin ich zu einer so ungeduldigen, gar frechen Person geworden, zu einer der Dränglerinnen, die ich sonst doch immer so verabscheut habe? Oder habe ich mich nur ans gängige System angepaßt ("schreie rum, sonst hört dich keiner; schimpfe, sonst passiert nichts")? Traurige Gedanken, alle zusammen.
Als wir einen Monat später aus Hainan nach Shanghai zurückkehren (diesmal landen wir in Hongqiao, dem Provinzflughafen, der hat andere Probleme, aber davon ein ander Mal) muss ich an eben jene Situation denken, als Sonja höchst ungeduldig wird und laut fragt, wieso sie denn nach fünf Tagen Urlaub gleich schon wieder genervt ist. Ich antworte: "Es liegt daran, dass wir in China leben und um uns herum sind lauter Chinesen." Nicht nur eine Dränglerin, das ist ja Rassismus!


Shanghai, 30.3.2007 Neues Heim, neues Glück
Wir haben es geschafft. Wir sind umgezogen, Luftlinie vielleicht ein paar hundert Meter entfernt von unserem alten Domizil (wenn überhaupt), und nein, die Wohnung ist nicht unbedingt schöner, aber der Vermieter ist ein angenehmer Mensch und die Bauschäden sind definitiv geringeren Ausmaßes. Jetzt hocken wir zwischen einigen Kisten und ich weiß endlich, wohin unser Geld in den letzten Monaten bzw. Jahren wohl gewandert ist: im August 2004, da kamen wir mit drei Koffern (70 kg), einem Kind und einem Kinderwagen. Jetzt sind es plötzlich nicht nur zwei Kinder (und zwei Kinderwagen), sondern es ist ein ganzer Laster voller Krempel, über 20 große Kisten - von Sachen, die nicht in Kisten verpackt werden können, ganz zu schweigen. Selbst wenn wir hier nicht heimisch werden wollen, dem Haushalt nach zu urteilen sind wir es schon längst, und die Ayi bemerkt anerkennend: soviel Sachen haben wir nicht mal. Ein Glück, dass ein Umzug hier nicht so teuer ist, für den Transport von Wohnung zu Wohnung bezahlen wir ganze 45 Euro. Aber das Ein- und Auspacken, das bleibt an mir hängen, und es ist auch kein einfacher Job, da bei der Möblierung hier ja in den seltensten Fällen nachgedacht wird. In der alten Wohnung bestand das Problem darin, dass Tobis Anzüge und Hemden nicht in den Kleiderschrank passten, da in der Mitte ein mit Samt bezogenes Fach für den (nicht vorhandenen) Schmuck der Hausdame eingefügt worden war, somit waren sowohl das obere Fach wie auch das untere zu kurz für Kleidungsstücke eines zwei Meter großen Mannes. In der neuen Wohnung („Das ist alles von IKEA!“ erzählt der Vermieter stolz, denn Ikea ist hier der Inbegriff von chic, ausländisch und teuer, nicht etwa von praktisch und preiswert) nun die umgekehrte Sachlage: Das große Schlafzimmer ist ausgestattet mit vier tiefen, hohen Kleiderschränken, die allesamt nur mit Kleiderstange versehen sind, was keine Fächer für T-Shirts und Pullover bedeutet. Na, wenigstens ist so mal wieder meine Kreativität gefragt. Und ich hoffe, diesmal bleiben wir länger, damit sich das Nachdenken auch lohnt.

Hainan Island, 2.4.2007 Zum Ausgleich
Drei Tage wie verrückt ausgepackt, um zur Kiste mit den Badesachen vorzustoßen. Und dann gleich alles in eine Tasche gepackt und weg aus Shanghai. Auslöser der ganzen Aktion ist Kilians ausländischer Kindergarten, der über die Osterwoche (komisch eigentlich, an Ostermontag müssen dann alle wieder arbeiten) schließt, und Liam, Sonjas Mann, der eben diese Ferienwoche beruflich außerhalb Shanghais zubringen muss. Er ist es, der an meinem Geburtstag vorschlägt, dass wir Frauen ja mit Kind(ern) und Kegel ein paar Tage Ferien machen könnten, und obschon erst nur eine wilde Idee, schaffen wir es trotz einiger Widrigkeiten tatsächlich. Meer, Sand und Sonne begrüßen uns zum Dank und es ist herrlich, denn wir haben Gott sei Dank ja meine Ayi dabei. Das Verhältnis Erwachsenen/Kinder ist also nahezu ausgeglichen.



Hainan Island, 5.4.2007 Situationskomik
Wir wagen es nach einem ziemlich entsetzlichen Abendessen beim Chinesen und einem Abend mit Zimmerservice doch noch ein letztes Mal, mit den Kindern in ein Restaurant Abend essen zu gehen. Moritz hat schon fertig gegessen, Kilian auch, die beiden wuseln irgendwo mit der Ayi herum, (die hat auch schon fertig gegessen, natürlich), so dass Sonja und ich entspannt noch aufessen dürfen. Wir unterhalten uns über die Situation, mit kleinen Kindern unterwegs zu sein, absurderweise auch noch in einem fünf Sterne Hotel. „Wie ist es denn, wenn man Zwillinge in Lukas Alter (15 Monate) hat?“ – „Na, dann macht man so was eben nicht.“ „Und ohne Ayi?“ – „Na, dann auch nicht. Wahrscheinlich fahren normale Leute höchst selten mit mehr kleinen Kindern als Erwachsenen für ein paar Tage ans Meer, und wenn, dann muss man eben gewappnet sein, dass an dem Abend, wo man sein tollstes Outfit trägt, das eine Kind dann genau in dem Moment, wo man das Restaurant betritt, in den Ausschnitt kotzt.“ Plötzlicher Blick nach unten, denn gerade ist ein Salatblatt von meiner Gabel auf Mias Kopf gefallen. Es bleibt selbstverständlich in der Mitte liegen, und Mia grinst dazu herzallerliebst. Ich habe lange nicht mehr so gelacht.

Shanghai, 15.4.2007 Drei Jahre
Moritz hat Geburtstag und Tobi nimmt sich einen ganzen Tag frei. Das ist nun mal ein Sonntag, der rot im Kalender angestrichen werden kann. Wir packen den ganzen Tag Geschenke aus, ein Buch von Pettson und Findus, eine Mondrakete, ein Buch über Mondraketen, eine Eisenbahnbrücke, ein Klapp-Buch über ein Mehrfamilienhaus. Alles ist toll, nur dass Moritz nun etwas Neues gelernt hat: er sieht die innenliegende Werbung für andere Dinge und jammert: „Aber das will ich auch, und das, und das!“ Es hilft keine Erklärung, dass es in China keine Brio Bahnen zu kaufen gibt; zum Glück aber ist er immer noch ein kleiner Junge und vergisst im nächsten Augenblick schon, was er gerade eben noch für das Weltwichtigste gehalten hat. Und ich dachte immer, wenn das Kind dann erst mal drei Jahre ist, ist alles auf einen Schlag total einfach! Wahrscheinlich wurde das auch so propagiert, denn was würde es auch bringen, wenn man wüsste, dass es Probleme gibt wie z. B. „mein Kind ist nun eigentlich zu groß und schwer für die größte im Handel erhältliche Windel, ist aber noch gar nicht motiviert, ein Töpfchen zu benutzen“. Oder „Mein Kind weint und schreit nach zwei Tagen zu Hause, wenn es wieder in den Kindergarten soll, und ich bin ihm da leider körperlich kaum mehr gewachsen.“ Wozu würde das führen? Die meisten würden sich doch für und nicht gegen Kinder entscheiden, man würde nur hoffen, dass der Handel sich umstellt bzw. man würde frühzeitig mit Krafttraining beginnen. Und letztendlich ist und bleibt trotz aller Schwierigkeiten Moritz unser Sonnenschein, und den will man ja nicht missen.


Shanghai, 26.4.2007 Globalisiert Shoppen
Also langsam wird es langweilig. Nach Zara und C&A eröffnet nun auch H&M eine Filiale um die Ecke, es war ja auch nur eine Frage der Zeit, wann die vielen „Made in China“-Artikel, die in Deutschland schon seit Jahren angeboten werden, auch für die lokale Bevölkerung angeboten werden würden. Ignoriere ich mal die bombastischen Ausmaße der Super Brand Mall, die in Europa einfach niemals ausgefüllt werden bzw. gebaut werden dürften, dann könnte ich mich auch in einem deutschen Arkaden Center befinden. Oder? Falsch. Denn was hier jeden Tag nach 18 Uhr und am Wochenende abgeht, das gibt (oder gab?) es in Deutschland wohl nur zum Beginn des Winterschlussverkaufs. Ich habe mich mittlerweile dran gewöhnt, am Wochenende gehen wir nur einkaufen, wenn es ganz dringend sein muss, betrachte ich aber zur Geschäftseröffnung diese Massen an Käuferschaft, dann kann selbst mir Angst und bange werden. Wir stehen in einer langen Schlange an, um in den Laden zu gelangen, und bullige Bodyguards achten darauf, dass niemand aus der Reihe tanzt. Früher hätte ich das als Angriff auf meine Persönlichkeit betrachtet, nun aber bin ich lange genug in China um zu wissen, dass es manchmal nicht anders funktioniert. Ich bin genau genommen sogar froh über die Türsteher an manchen Aufzügen, die für Ordnung sorgen, wenn Sekundenbruchteile nach Öffnen der Tür ganze Massen in den Aufzug stürmen, die schlichtweg ignorieren, dass da innen drin vielleicht jemand ist, der auch aussteigen will. Noch besser: es gibt U-Bahn-Beamte, deren Job den ganzen Tag „lediglich“ darin besteht, Menschen zu befreien, die zwischen U-Bahn-Türen eingeklemmt sind. Das ist bei jedem Zug der Linie 1 an der Huang Pi Road, in den ich bisher eingestiegen bin, gleich mehrfach der Fall gewesen. Aber ich weiche vom Thema ab. Die H&M Eröffnung. Wenn nicht überall Ständer voller Klamotten stehen würden, könnte ich mich auch auf einer stylischen Party befinden, laute Musik und Menschen, Menschen, Menschen. Mein Standard Shirt, schwarz, V-Ausschnitt, ist 1h nach Ladenöffnung in Größe M anscheinend bereits ausverkauft. Dafür habe ich schlichte Kinderunterhosen gefunden, und darüber freue mich wie eine Schneekönigin. Denn, obwohl ich das natürlich nicht zugeben darf, irgendwie erwecken gewisse europäische Geschäfte und ihre Produkte (das ist auch sehr stark bei Starbucks der Fall) absurderweise sehr stark heimatliche Gefühle, selbst wenn natürlich nicht in Europa produziert wird.




Shanghai, 25.5.2007 Chicken runs
Bestimmte Dinge gibt es ja nur jahreszeitenabhängig. Eis im Sommer gehört dazu, Pilze im Herbst und überhaupt: Himbeeren, Kirschen, Kastanien. Meist handelt es sich hierbei um Sachen, die man vorher schon herbeisehnt und die man, wenn es sie am Aufenthaltsort nicht gibt, schmerzlich vermißt. (Das dritte Jahr ohne Spargel!) In China gehören zu dieser Kategorie lustigerweise Saubohnen. Nun sind mir am Straßenrand aber auch andere Erscheinungen begegnet. Die eine sind Seidenraupen. Ähnlich wie wir als Kinder alle mal Stichlinge oder Kaulquappen nach Hause geschleppt haben, gibt es hier kleine Seidenraupen zu kaufen, Maulbeerblätter als Nahrung inklusive, denen man dann (vielleicht irgendwann) beim Seidenspinnen zuschauen kann. Das hat sicherlich einen Lerneffekt für die Kinder und ist damit schön. Weniger schön dagegen ist das Angebot, Hühner- oder auch Entenküken käuflich zu erwerben. Die armen Tierchen sitzen in Käfigen geringesten Ausmaßes (bei uns sind selbst die Boxen für den Kurztransport von jungen Kaninchen größer), auf Wiesen wird das Küken vom Besitzer rausgenommen, Horden von neidischen Kindern folgen, die alle mal streicheln wollen und das zumeist auch tun. Wahrscheinlich hält so ein Kükenleben nicht mal so lange, dass der Käfig zu klein werden würde. Ein Glück, die Ostersaison hat irgendwann ein Ende. Was dagegen kein Ende hat: die verschiedenen Attraktionen in den "Kinderabteilungen" der Parks. Man fährt in einem spacigen Gefährt mit einer riesigen Pistole vorne, damit kann man dann auf die wilden Tiere zielen, an denen man vorbeifährt. Trifft man z.B. den Elefanten, spritzt aus dem Rüssel eine Wasserfontäne. Lebensfremd? - Das scheint niemanden zu stören.
