Es regnet!

Shanghai, 01.10.2007 Geburtstagskind!

Nun ist die Biene schon ein ganzes Jahr auf der Welt. Und welch eine Metamorphose sie durchlaufen hat: Plötzlich kann das eben noch so zerbrechliche Wesen schon selbst laufen, in was für einem Affenzahn! Und am liebsten würde Mia auch selbst Schuhe anziehen, selbst Zähne putzen und, natürlich, vor allem selbst essen. Telefonieren beherrscht sie auch schon nahezu perfekt, antwortet, wenn der Gesprächspartner eine Pause macht und belustigt damit nicht nur sich, sondern auch alle anderen. Zur Feier des Tages gibt es Würstchen und Grillfleisch vom deutschen Metzger, und viele kleine Freunde bzw. Freundinnen kommen zu Besuch. Moritz hat mit mir Kuchen gebacken und packt alle Geschenke für seine Schwester aus. Nur schade, dass keine Eisenbahn dabei war...

Mia selber essen

99 Luftballons

Shanghai, 03.10.2007 Frauen-Fußball, Specialympics und die deutsche Einheit

Da passiert das Ultimative, die Deutschen werden Weltmeister im Fußball, und der Großteil der Spiele findet ausgerechnet an dem Ort in der großen weiten Welt statt, an dem wir gerade leben: in Shanghai. Die Eröffnung jedenfalls und auch das Endspiel. Und was tun wir? Wir kriegen, wenn überhaupt, nur am Rande etwas davon mit. (Apropos: Ist Frauenfußball wengistens in der Heimat populärer geworden?) Tobi arbeitet (ebenso wie ein Weltmeister), und dem zur Folge bin ich abends so unmotiviert, dass ich nicht mal den Fernseher anschalten mag. Und das zur besten Sendezeit! Ich schäme mich wirklich. Genauso die Specialympics: alles hängt voller Plakate, und nicht nur die Wächter des Compounds, nein, jeder Taxifahrer der Stadt trägt orangefarbene T-Shirts mit der Aufschrift "You know I can!" (eine etwas seltsame Übersetzung des chinesischen "ni xing, wo ye xing", das ich eher übersetzen würde mit "du schaffst es, ich auch!"). Leider ist aber Golden Week, deshalb hat nicht nur der Kindergarten geschlossen, sondern ist auch unsere Ayi in Ferien, und so hängen Moritz, Mia und ich tagaus, tagein auf dem Spielplatz und im Spielhaus herum, wenn wir nicht gerade zu Hause sind oder bei anderen zu Besuch. Hach ja.

Shanghai, 04.10.2007 Hundekack

Ich will ja nicht immer nur jammern. Heute ist mir endlich mal wieder bewußt geworden, in welch gepflegter Umgebung wir uns hier bewegen dürfen. Wir waren gegen sechs am Abend noch draußen Ball spielen, und da es hier schon recht früh dunkel wird, konnte man nicht mehr so gut sehen. Der Ball war gerade ins Wasser gefallen und wir mußten am Rande einer Wiese drauf warten, dass er wieder an Land geschwemmt wird. Ich hatte plötzlich ein recht merkwürdiges Gefühl, eine vage Erinnerung an Altbekanntes: ich wußte nur, etwas Ungewöhnliches ist passiert. Und dieses ungewöhnliche Etwas stank ziemlich penetrant. Bah, Hundekacke, an meinem Schuh! Selbst Moritz konnte Verständnis dafür aufbringen, dass wir auf der Stelle nach Hause gehen mußten. So was von eklig. Und das ist mir ganze drei Jahre noch nicht einmal passiert. Es ist schon anders, in einem Compound zu wohnen, in dem rund um die Uhr eine ganze Mannschaft von Wächtern, Gärtnern und Putzfrauen den täglichen Dreck beseitigt. Um unseren Hausmüll zu entsorgen, müssen wir nur aus der Haustür raus, ein paar Meter rüber ins Treppenhaus, da steht eine Tonne bereit. Und alles, was nicht in die Tonne passt, wird daneben gestellt. (So haben wir auch schon einen Kleiderschrank entsorgt) Nacht für Nacht wird das ganze Geraffel dann entsorgt, wie von Heinzelmännchen sozusagen. Das ist schon anders als in Kreuzberg, wo alle paar Monate mal wieder die Mülltonnen brennen, weil jemand heiße Kohle hineingekippt hat oder die gelbe Tonne mal wieder bis obenhin voll mit altem Teppichboden gestopft ist. Es ist nicht so, als ob Otto Normalbürger hier besonders darauf achten würde, alles immer gleich in den nächsten Eimer zu werfen. Aber wenn er das eben nicht tut, tut es jemand anders. Und so sind auch die Spielplätze zigarettenstummel- und glasscherbenfrei, der Ayi sei dank!

Shanghai, 09.10.2007 Herbst

Gelobt sei Krosa! Nachdem aus dem angeblichen Taifun im September nichts geworden war, hat uns endlich mal ein kleiner Sturm heimgesucht, und die Temperatur ist in nur einem Tag um etwa 10 Grad gesunken. Ist das schön! Nach nunmehr fünf Wochen hochsommerlichem T-Shirt-Wetter freue ich mich mächtig, nicht mehr ständig so schwitzen zu müssen. Und in zwei Monaten soll schon bald Weihnachten sein? Das erschien bisher noch sehr absurd.

Shanghai, 18.10.2007 Dauerwelle

Florian, ein Nachbarsjunge, geht in die Parallelgruppe von Moritz' Kindergarten. Der Papa kommt aus Bayern, die Mutter aus dem Norden Chinas. Zuerst hatte ich ihn für ein Mädchen gehalten, da ihm die Haare, glatt und dunkel, bis über beide Ohren hingen. In meiner Kindheit nannten wir es "den Pott-Schnitt". Heute plötzlich hat er die Haare ziemlich kurz geschnitten und lustig aufgezwirbelt, im Nacken so einen längeren Zacken, toll sieht es aus. Anerkennend sage ich zur Mama: "Das sieht ja super aus!" Diese reagiert bedrückt. "Meinem Mann hat es überhaupt nicht gefallen. Der hat gesagt, wir müssen so schnell als möglich alles abschneiden." Wieso das? Mir bleibt die Sprache weg, denn es sieht echt fetzig aus. Die stocksteifen Bayern, nur weil sie selbst nie was anderes gewohnt waren, werden ihre Kinder auch zu konservativ-doofen Haarfrisuren gezwungen, denke ich so bei mir. Ich versuche zu trösten. "Männer, auf was die so kommen... Ich würde es so lassen, es gefällt mir wirklich gut." "Ja, und außerdem habe ich dafür 2 h beim Friseur zugebracht!" Sie verabschiedet sich schnell und ist hast-du-sie-nicht-gesehen um die Ecke verschwunden. Ich werde nachdenklich. Zwei Stunden beim Friseur? Habe ich da was nicht mitbekommen? Zu Hause frage ich die Ayi. "Ja, so eine Dauerwelle, die dauert halt ihre Zeit" ist die knappe Antwort. DAUERWELLE? Bei einem vierjährigen Kind? Ich glaube, da habe ich einem vielleicht ganz vernünftigen Bayer ziemlich unrecht getan.

Die gute alte French Concession

Deutscher Kindergarten

No climbing

Feist brunchen

Mein schickes Kleid und ich


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